kerkyra





...ist eine Insel.

Gasse im Dorf Afionas, Nordwestkorfu,blumengesäumt
Gasse in Afionas


Kerkyra oder "Korfu" ist eine sehr schöne Insel sogar, und viele Menschen, die erfahren, dass ich zu diesem Flecken Land einen Bezug habe, und die die Insel kennen, sind ganz begeistert.
Für mich verbindet sich damit allerdings eine zwiespältige Geschichte.
Denn ich war dorthin GEFLÜCHTET; soll heissen, Kerkyra war mein zeitweiliges Exil.
Und wie das so ist, als Flüchtling leidet man unter einigen Entbehrungen.
Man ist einfach FREMD am neuen Ort, man spricht vielleicht die Sprache nicht, ist nicht vertraut mit den Gepflogenheiten.
Und man hat Angst davor entdeckt zu werden, denn schliesslich ist man ja wegen irgendwas geflüchtet.

Von daher kann ich auch bis zu einem gewissen Grad nachempfinden, wie sich Menschen fühlen, die es aus irgendeinem Grund ihre Heimat verlassen müssen, und die es in das kalte, unfreundliche Deutschland verschlägt.
Im Gegensatz zu vielen anderen Exilanten war ich in einer glücklichen Lage:
Ich war erst 24 Jahre alt, auf der Höhe meiner Leistungs- und Lernfähigkeit.
Ich hatte niemanden zurückgelassen, um den ich mir ernsthaft Sorgen machen musste.

Dass ich ausgerechnet nach Kerkyra gelangte, war ein Ergebnis von Zufällen.
Das "Schicksal" hätte mich eben so gut nach Portugal oder nach Afrika führen können.

Ich, am Südwestabhang zum Strand in Ginsterfeld
So sah ich damals aus..Haare etwas länger..

Es war immer ein bisschen das Gefühl des ausgesetzt seins, was mich begleitete.
Der erste Winter war recht hart, ich lebte von der Hand in den Mund.
Ich arbeitete alles mögliche auf Tagelöhnerbasis, war Bierkutscher, Verputzer, Gartenbauer und Totengräber.
Ich wurde von Job zu Job weitergereicht und ich lernte alle möglichen Menschen kennen.
Und ich lernte die Sprache.
Ich glaube, ich stellte niemals in meinem Leben derart viele Fragen und ich bin wohl meinen Kollegen ziemlich
auf die Nerven gegangen mit meinem "ti einai avto?" oder "pos to legetai?" ...was ist das?...wie nennt man das?

Nach diesem ersten Winter hatte ich dann Glück, ich bekam ein Angebot, im Nordwesten der Insel bei einem Wassersportanbieter zu arbeiten.
Also packte ich meinen Rucksack und zog nach Agios Georgios an den Strand.
Der Wassersportmensch war ein Sack, aber die Bucht:

Die Bucht Agios Georgios von Süden (Makrades, Krini) aus Gesehen
Agios Georgios, von Süden her gesehen
pling

Obwohl der Chef eben ein Sack war und seine Frau eine Säckin, arbeitete ich fleissig und ich genoss mein Dasein als Toyboy.
Viel Party, viele erregende Unternehmungen.
Mein Fleiss sprach sich herum und so kamen schnell die ersten Abwerbeversuche.
Auf den attraktivsten ging ich ein:
Ich wechselte auf einen kleinen Kutter und wurde Langleinenfischer.
So hatte ich nun einen prima Käpt'n mit einer prima Familie, eine Garconiere zum wohnen, ein betriebseigenes Restaurant um mir den Bauch vollzuschlagen, und eine betriebseigen Bar, wo damals allnächtlich der Bär los war.
Meine Arbeit war hochinteressant, es war wie Lottospielen mit täglichem Gewinn.
Und es gibt wenige Momente, die so schön sind, wie zu Rembetiko aus den Fünfzigerjahren in den Sonnenaufgang zu schippern. Und das auf einem Kaiki mit ganz eigenem Wesen:


Die Agios Nikolaos, mein Arbeits- und sommerlicher Wohnplatz

Wir arbeiteten sehr viel, waren erfolgreich und hatten unseren Spass.
Es war eine gute Zeit, im Sommer fischen, im Winter das Equipement auf Vordermann bringen.
Und immer an einer wunderbaren Bucht leben.

Bucht von Agios Georgios, von Norden (Afionas) her gesehen
Agios Georgios, vom Norden her gesehen

Aber es ist ja immer alles unvorhergesehenen Änderungen unterworfen.
So tauchten nach zwei Jahren plötzlich immer mehr Schleppnetztrawler auf.
Diese Riesenkähne kamen aus ganz Griechenland, aus der leergefischten Ägäis, von der Chalkidiki.
Sie hatten von unseren Fängen gehört und so machten sie sich über unsere Fischgründe her.
Mit Folgen für uns, wie man sich denken kann.
Mein Käpt'n schränkte die Fischerei ein und zu guter Letzt wurde die Agios Nikolaos im Rahmen des EU-weiten Abbaus der Hochseefischerei ihrer Innereien beraubt und der nackte Rumpf in drei Teile zersägt.
Schade drum!

pling
Ich im Delfini 1993


Mein viertes und letztes Kerkyra-Jahr 1994 begann also unter völlig neuen Vorzeichen.
Es war Jahr der Veränderungen für Feuerpferde.
Ich war meinen Job los.
Meine griechische Muse Kleio und ich hatten uns getrennt und ich war garnicht glücklich.
Ich fiel wieder in ein Verhaltensmuster zurück, vor dem ich unter anderem geflüchtet war:
Ich machte mich zu.
Zwar nicht mehr mit Opiaten, dafür aber mit Alkohol.
Aber das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls schaffte ich es noch Eigentümer eines alten baufälligen Hauses zu werden.


Mein altes Haus in Kavvadades, das ich zu verkaufen plane
Noch mein Haus

Und ich zog die einzige suchttechnische Notbremse, die ich damals kannte, ich verliess die Insel nach über vier Jahren.
Zurück blieben Menschen, die ich sehr zu schätzen gelernt habe, und die ich immer wieder gerne besuche.
Wie diese beiden hier:
Menschen, zu denen ich aufschaue
Makis und Nikoletta, die Eltern meines Käpt'ns, und ich



pling