Das Bäumchen

Drachenopfer Also, über diesen Baum wollte ich was erzählen. Eine wahre Geschichte.
Eine alte Geschichte.
Von als mein Grossvater noch ein Junge war.
Die Welt war damals ja noch ganz anders.
Es gab noch riesige Reptilien und Monsterfische.
Diese Giganten bevölkerten den Globus und die Menschen hatten es nicht leicht.
Sie konnten zum Beispiel nicht nach Amerika auswandern, wie meine Enkel; die Monsterfische frassen den ganzen Schiffsverkehr auf, mitsamt Lotsenbooten und Feuerschiffen.
Ohnehin war Amerika noch nicht entdeckt! (Wie ich Amerika entdeckte, davon ein anderes Mal, liebe Leserschaft)
Sie konnten auch nicht in Frieden ihren Dinkel anbauen, denn die Riesenreptilien verschlangen alles, was sie kauen konnten.
Unter anderem diverse Urgrossonkel von mir, aber auch unartige Jungen.
Mädchen liessen sie in Ruhe, denn die plapperten damals schon unheimlich viel und nervten diese schuppigen Raubtiere.
Entwicklungsgeschichtlich rührt es wohl daher, dass heute noch traditionell die Frauen zur Feldarbeit gehen.
Auch in unserer Gegend gab es damals viele solcher grausamen Bestien, feuerspuckende Drachen, fliegende Ungeheuer mit Reisszähnen.
Die Geschichte war nun die:
Meine Urgrossmutter war eine hinreissend gutaussehende Frau, sie zog viele Männer in ihren Bann, unter anderem meinen Urgrossvater, der ihr vollkommen erlegen war.
Mein gutes Aussehen und mein Charisma hab ich übrigens von ihr.
Sie war SO schön und edel, dass ihr nicht nur menschliche Wesen erlagen. Nein, auf den Feldern, die sie bearbeitete, wuchsen besonders pralle Früchte, und bei ihren Spaziergängen in den Wäldern entlockte sie den Bäumen ein leises Ächzen. So geschah es, dass nach und nach auch immer mehr der Riesenreptilien geblendet wurden, wenn sie Urgrossmutter bei der Feldarbeit begegneten.
Zunächst hatte das nicht viele Auswirkungen, ausser, dass die Giganten rot anliefen und einen dicken Hals bekamen.
Urgrossmutter merkte das freilich und setzte der reptilösen Verwirrung gerne noch eins obendrauf, indem sie die Tiere anlächelte und ihnen Gedichte aufsagte.
Die weniger mutigen stoben beschämt in wilder Flucht von dannen, die Heroen unter den Drachen legten sich auf den Rücken, in der Hoffnung, am schuppigen Bauch gekrault zu werden.
Unter den männlichen Sauriern sprach sich die sagenhafte Schönheit meiner Ahnin natürlich wie ein Lauffeuer herum.
Riesenechsenmänner aus allen Teilen der Welt kamen herangepoltert.
Sie kamen von weit her, von Asien, Afrika und natürlich von Amerika.
So kam es, dass Europa von Amerika entdeckt wurde, lange bevor ich Amerika entdeckte.
Natürlich nahmen die Giganten ihre Frauen nicht mit auf die Reise, nein, sie logen ihren Frauen was vor, von wegen überraschender Geschäftsreise, oder sie müssten eben Zigaretten am Automaten um die Ecke holen.
Die kluge Leserin und der aufgeklärte Leser werden natürlich ahnen können, welche Folgen diese Vorgänge nach sich zogen.
Genau: Die Saurier starben aus!
Die Sauriermännchen hatten nach der Begegnung mit Urgrossmutter schlicht keine Lust mehr auf ihre Weibchen.
Unter den Echsinnen kam selbstverständlich eine gewaltige Frustration auf, sie versuchten auf alle erdenklichen Arten, ihre Männer zurückzuerobern, aber alle Versuche blieben fruchtlos.
Als die letzte Dinosaurierfrau in die Menopause eintrat, wurde sie so wütend, dass sie kurzerhand zu uns in die Hügel gestürzt kam und wild ihren schwefelhaltigen Atem um sich blies.
Ihren letzte Atemzug tat sie in Richtung eines in voller Blüte stehenden Mostbirnbaumes. Dann fiel sie tot um.
Wie man auf obigem Bild erkennen kann, steht der Baum immer noch; man kann ihn nicht fällen, der mineraliengeschwängerte Dampf aus dem Rachen der wütenden Saurierfrau hat den Baum schlicht versteinert.

So, meine lieben Leserinnen und Leser, wieder einmal ist ein wichtiges Kapitel der Paläozoologie erzählt, ich hoffe es hat Ihnen Spass gemacht und Sie loggen sich mit dem Gefühl aus, endlich etwas zu wissen, was Sie noch nie zu wissen hofften.
Oder so.