Geschichte

(Die das Leben schrieb)


"Nun ja", werden nun sicher viele meiner lieben Leserinnen und Leser erleichtert von sich geben, "Es wird Zeit dass ER endlich mit der Wahrheit, der ungeschminkten Wahrheit rausrückt!"
Schluss mit der Selbstverherrlichung, zurück auf den mergeligen Boden der Wahrheit!
Gut, also, mit mir ist das so:

Ich komme aus ganz armen Verhältnissen, und als ich zur Welt kam, war der nächste reiche Mensch der Abt des Klosters St.Gallen.
Das liegt nun eine Weile zurück, obwohl die Äbte auch heute noch nicht gerade arm sind.
Nun, hier rechts nebenan sehen sie mein Geburtshaus.
Es hat inzwischen ein ordentliches Dach mit Rinne und einen Kamin bekommen.
Das Geld dafür schickte uns einer meiner nach Amerika ausgewanderten Urenkel.
Sein Bruder war damals mit ausgewandert, aber hatte alles auf der Pferderennbahn verprasst.
In unserer Familie kannte sich nie einer mit Pferden aus.
Aber das konnte er nicht wissen.
Mein Geburtshaus
Wir Alten redeten nie mit den Jungen, das war und ist bei uns so.
Zum Reden haben wir unsere Frauen.
Aber die kennen sich auch nicht mit Pferden aus.
Ich habe meinem Rennbahnurenkel verziehen.
Wir Alten verziehen den Jungen immer alles.
Unsre Frauen können viel schwerer verzeihen.
Es fällt ihnen schwerer, zu verzeihen, als ein Junges zu gebären.
Zumindest stöhnen sie dabei viel lauter.

Wie dem auch sei, meine Mutter gebar mich leise fluchend als zweites von sechzehn Kindern.
Es war Heuzeit, "Z'Nüni", also zur Frühstückspause.
Meine Mutter hatte sich eben auf einen Schluck Wasser unter einen Bohnapfelbaum gesetzt, da drängte ich mich mit aller Macht an's Tageslicht.
Mein Vater kappte die Nabelschnur mit der Sense und fuhr fort zu mähen.
Mutter setzte mich nackt und schrumpelig, wie ich war, auf ein Nest aus Heu, um ihrem Manne beim Heuen beizustehen.
Junikäfer kamen angeschwirrt und naschten von Schleim und Blut auf meiner Haut.
Abends war ich dann sauber und meine Eltern nahmen mich mit nach Hause.
Wie der aufmerksame Leser und die kluge Leserin nun sicher mitbekommen haben, pflegten wir einen sehr einfachen Lebensstil.
Einfach und sparsam.
Jeden ersten Samstag im Monat badeten wir, erst die Erwachsenen, dann die Kinder dem Alter nach.
Ich kam nach Grosseltern, Eltern und älterer Schwester als Sechster an die Reihe.
Das Wasser war meist dunkelgrau und roch streng.
Um dem ganzen eine persönlichere Note zu geben, pinkelte ich rein.
Ich glaube, die meisten von uns Geschwistern taten das; die Kleinsten schwammen wegen des Salzgehaltes anschliessend obenauf.
Grossmutter tauchte sie dann mit Kraft unter, damit sie sauber wurden.
Grossmutter legte viel Wert auf Sauberkeit, sonntags vor dem Kirchgang hatten wir Kinder anzutreten und sie wischte uns mit ihrem spuckefeuchten Taschentuch die Gesichter sauber.
Grossvater lag sonntags und unter der Woche abends meist auf der warmen Bank des Kachelofens und schlief seinen Mostrausch aus.
Als Stammhalter musste ich ihm alltäglich seine Mostkannen vom Fass füllen.
Zur Belohnung bekam ich immer ein Gläschen.
Manchmal durfte ich abends beim Rauschausschlafen auf seinem Bauch liegen....
Alter Baum

Lesen Sie unbedingt in Kürze, lieber Leser, werte Leserin, weitere Wahrheiten aus meinem ereignisreichen Leben und haben Sie Teil an der unsäglichen Geschichte des traurigen Baumes hier nebenan.

Bonne Nuit